Bahn-Legende und "schwäbischer Dickschädel"

 


Hans Lutz

 
Hans Lutz ist in Sachen Radsport mit allen Wassern gewaschen. Er wurde mehrfach Weltmeister, 1976 Olympiasieger, feierte zahlreiche deutsche Meisterschaften.
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Der 60-jährige Altdorfer trainierte und fuhr unter Gustav Kilian, einer der weltweit erfolgreichsten Trainer im Radsport. Dennoch ging er zurück an die Basis des Radsports und hat 2007 begonnen, Trainerlizenzen zu erwerben.

Der Altdorfer Radtreff hat den Ausschlag gegeben. Seit dem Jahr 2005 fahren einmal wöchentlich Jung und Alt in den Schönbuch. "Wir radeln freizeitorientiert", erklärt Hans Lutz, der den Radtreff mit organisiert. Zu diesen wöchentlichen Terminen kamen auch jugendliche Radler, die Gefallen an dieser Sportart gefunden haben, die den Ehrgeiz entwickelten, diesen Sport engagierter auszuüben. "Einige dieser Jungs haben sich sehr gut entwickelt. Ich habe sie dann mal gefragt, ob sie sich vorstellen können, an Radrennen teilzunehmen", sagt Hans Lutz. Dabei stellte sich sehr schnell eine Sache als Problem heraus: Wer trainiert diese Jugendlichen? Hans Lutz fand keinen geeigneten Übungsleiter.

"Dann mache ich es halt selber" - das war die Reaktion des 60-Jährigen. Und wenn, dann mache er es richtig und stelle sich nicht hin, erzähle von vergangenen Zeiten und davon wie damals trainiert wurde. "Ich weiß, wie man ein Rennen gewinnt. Ich weiß, wie man dorthin kommt, um Rennen zu gewinnen", betont Hans Lutz. Die Trainingslehre habe sich aber in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, und von diesen neuen Erkenntnissen will Lutz profitieren.

Also hat er 2007 begonnen, den Trainerschein C zu erwerben. Diesen hatte er im Sommer des vergangenen Jahres in der Tasche. 120 Stunden Ausbildung standen verteilt auf drei Wochen auf dem Programm. Seit Januar läuft nun die Ausbildung zur B-Lizenz. "Wenn ich diese erreicht habe, dann werde ich auch noch die A-Lizenz in Angriff nehmen", sagt Hans Lutz. Ihm gehe es dabei weniger um die Scheine als vielmehr darum, sich "Wissen anzueignen, von anderen Trainern zu lernen, diesen zuzuhören". Einen positiven Nebenaspekt hätte es, die A-Lizenz zu haben: Zweimal jährlich treffen sich die Inhaber der A-Lizenz, haben dadurch "eine Plattform beim Bund Deutscher Radfahrer", so Hans Lutz. Über diesen Weg will der viermalige Weltmeister versuchen, seine Erfahrung und sein Wissen im Sportbereich einzubringen. Lutz: "Ich komme so näher an die Sache heran und muss mir aufgrund meiner dann erfolgten Trainerausbildung nicht nachsagen lassen, ich hätte keine Ahnung." Im deutschen Radsport müsse ja etwas passieren, so wie derzeit könne es nicht weitergehen.

Seine aktive Laufbahn beendete Hans Lutz 1977. Er hörte zeitgleich auf mit Gustav Kilian, einem der erfolgreichsten Radsporttrainer der Welt. Unter ihm wurde Lutz Weltmeister in der Einerverfolgung und im Bahnvierer sowie Olympiasieger im Bahnvierer. Warum hat er denn nicht nach dieser Karriere schon damals die Trainerlaufbahn eingeschlagen? "Als hauptberuflicher Trainer wäre ich in einer brutalen Weise abhängig gewesen von ehrenamtlichen Funktionären. Ich wollte mich nicht auf Gedeih und Verderb finanziell abhängig machen." Zudem habe er in seiner aktiven Zeit mehr als nur einmal heftige Diskussionen mit Funktionären gehabt, sei es "aufgrund meines schwäbischen Dickschädels oder aus sachlichen Gründen".

Sein Ziel als Trainer sei in erster Linie, möglichst viele Jugendliche wegzubekommen vom Computer und ihnen die Faszination der Bewegung auf dem Rad in der Natur und die Faszination des Schwitzens nach einer sportlichen Betätigung nahe zu bringen. "Es ist schön, wenn man als Trainer sportlichen Erfolg hat. Das ist aber bestenfalls das zweite Ziel. Ich werde nie mit aller Gewalt versuchen, einen Jugendlichen auf die Rille Richtung Olympiasieg zu setzen, das lässt sich mit Jugendlichen auch gar nicht planen", sagt Hans Lutz. Er wolle Talente suchen und sichten, diese fördern und für den Radsport begeistern. Über die jeweiligen Vereine können diese dann ins Renngeschehen einsteigen. So ist Hans Lutz denn auch keinem Verein angeschlossen, sondern er betätigt sich aus freien Stücken heraus als Übungsleiter.

Verschiedenen Vereinen im Kreis Böblingen bescheinigt Hans Lutz eine gute Jugendarbeit. Dazu zählen der RV Pfeil Magstadt, der RSC Schönaich wie auch der RSV Öschelbronn. In Öschelbronn ist Hans Lutz mehrfach im Jahr zu Gast, wenn sich dort Radsportoldies treffen oder der Herrenberger Karl Link, ehemaliger Leiter des Olympiastützpunkts Stuttgart und Olympiasieger im Bahnvierer 1964, eine Veranstaltung organisiert. Hans Lutz nutzt mit seinen Schützlingen die überdachte Radrennbahn in Öschelbronn. Und auch die RSG Böblingen, der Heimatverein von Hans Lutz, hat nach vielen Jahren wieder mit der Jugendarbeit begonnen. Julian Barth (Jahrgang 1995), Marc Jurczyk (1996) sowie Leon Keim (Jahrgang 1995) fahren für die RSG. Alle drei haben über Hans Lutz den Weg zum Radsport gefunden, er trainiert und fördert sie.

Ob einer davon das Zeug hat, in die Fußstapfen von Hans Lutz zu treten, wird sich zeigen. Sicher ist aber, dass er bei ihnen die Begeisterung für den Radsport geweckt hat. Und somit hat der 60-Jährige ein Ziel schon erreicht. THOMAS OBERDORFER

 

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